Schweinehaltung in Bayern

Deutschland ist Europas größter Schweinefleischerzeuger, mit Schwerpunkt in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Aber auch in Bayern werden rund 3,19 Millionen Schweine gehalten. Einige Bauern sind reine Ferkelerzeuger, andere reine Mäster. Daneben gibt es auch Betriebe, die alle Phasen der Erzeugung selbst durchführen. Bayerns Landwirte hielten im November 2018 im Durchschnitt etwa 661 Schweine. Damit es den Tieren gut geht, werden nicht nur alle gesetzlichen Vorgaben strikt erfüllt. Die Halter selbst kümmern sich mit Herzblut um das Wohl ihrer Tiere – schließlich sind sie ihre Existenzgrundlage.


Prävention statt Behandlung

Der Hauptfokus liegt stets auf der Gesundheit der Tiere – und es hat sich herausgestellt, dass sich Prävention auszahlt. Denn sind die Schweine erst einmal krank, muss der Tierarzt kommen und im Zweifel Medikamente verschreiben. Die Verabreichung muss überwacht und dokumentiert werden. Das kostet Zeit und Geld. Deshalb liegt der Weg für die meisten Halter in guter Pflege und Vorbeugung. Ein Beispiel: Schweine sind neugierige und verspielte Tiere. Das Ringelschwänzchen des Artgenossen erregt schnell Aufmerksamkeit – es kommt zum so genannten Schwanzbeißen. Um ernsten Verletzungen und Entzündungen vorzubeugen, dürfen die Schwanzenden, in denen übrigens keine Nerven verlaufen, notfalls in den ersten Lebenstagen kupiert werden. Andere Halter versuchen, dem Schwanzbeißen mit deutlich mehr Platz, Auslauf und Raufutter entgegenzutreten.  


Mit Hightech zu gesunden Tieren 

Immer mehr Landwirte nutzen moderne Technik, um das Tierwohl in der Stallhaltung zu verbessern. Computergesteuerte Fütterungs- und Klimaanlagen sind in der Schweinehaltung an der Tagesordnung – so wie bei Schweinebauer Michael Wittmann, auf dessen Hof in Niederbayern rund 3.000 Schweine leben. Der Schweinemäster nutzt eine spezielle App auf seinem Smartphone. Mit ihr hat er den Futter-Mix für seine Tiere, die Heizung oder die Lüftung rund um die Uhr im Blick und kann schnell und von überall aus Anpassungen vornehmen. Frischluft ist ein Muss – doch Zugluft zum Beispiel mögen Schweine nicht. Parallel überzeugt sich der Landwirt auch jeden Tag persönlich davon, dass es seinen Tieren gut geht. Sobald er Auffälligkeiten feststellt, zieht er den Tierarzt zu Rate.


Konventionell oder Bio?

Lediglich 0,5 Prozent aller Schlachtschweine in Bayern stammten 2018 aus Bio-Schweinemastbetrieben. Diese verhältnismäßig überschaubare Anzahl ist damit zu erklären, dass Bio-Schweinefleisch nur wenig nachgefragt wird. Die Preise sind fast drei Mal so hoch wie für konventionell gemästete Tiere. Hinzu kommt: Verbraucher, die Bio-Produkte bevorzugen, tendieren eher zu Geflügel- oder Rindfleisch.

Unterschiede zwischen Konventionell und Bio

  • Platzangebot
    Konventionell: Haltung in klimatisierten, hellen Ställen. Platzangebot für ein 50 bis 110 kg schweres Mastschwein mindestens 0,75 m².
    Bio: Stall + Auslauf- oder Freilandhaltung. Im Stall stehen den Tieren mit 50 bis 110 kg 1,3 m² und 1 m² pro Tier im Freien zu.
  • Kupieren
    Konventionell: Gemäß des „Nationalen Aktionsplans Kupierverzicht“ (seit 1. Juli 2019 in Kraft) ist das Kupieren der Schwänze nur in Einzelfällen und nach ausführlicher Begründung erlaubt.
    Bio: Das Kupieren der Schwänze ist verboten bzw. nur in Einzelfällen mit Ausnahmegenehmigung erlaubt.
  • Futter
    Konventionell: Das Futter wird meist von den Landwirten selbst produziert. Verfüttert werden u.a. Weizen, Gerste und Mais aus eigenem Anbau. Für Sauen ist ein Anteil an Rohfaser (die besonders in Raufutter enthalten ist) vorgeschrieben.
    Bio: Futter muss zu 95 Prozent aus ökologischer Erzeugung stammen. Raufutter wie Stroh oder Heu ist vorgeschrieben und wird separat angeboten.
  • Antibiotika / Medikation
    Konventionell und Bio: Wird nie präventiv verabreicht, sondern nur im Krankheitsfall. Der Tierarzt entscheidet über das Medikament sowie den Behandlungsplan.

Stroh oder Spaltenboden?

Grundsätzlich sind Schweine so genannte Hartbodenlieger, sie bevorzugen daher einen eher festen Untergrund. Liegefläche, „Toilette“ und Fressbereich werden von den Tieren klar unterschieden. Als Gruppentiere suchen sie zudem die Nähe ihrer Artgenossen und lagern sich oft dicht zusammen. Das konventionell gehaltene Schwein lebt üblicherweise im Stall. Helligkeit und Belüftung sind dabei gesetzlich geregelt. Spaltenböden aus Beton sorgen dafür, dass Kot und Urin nicht mit den Füßen in Berührung kommen – so werden Infektionen minimiert. Bio-Schweine werden dagegen in Auslauf- oder Freilandhaltung gehalten. Die Liegefläche ist mit Stroh eingestreut, das regelmäßig erneuert werden muss.


Kontrollierte Qualität aus Bayern

Schweinemastbetriebe werden streng auf Einhaltung aller gesetzlichen Standards kontrolliert. Das Siegel QS steht für regelmäßige Kontrollen von Landwirtschaft, Futtermittelsektor, Schlachtung und Zerlegung sowie Verarbeitung für den Lebensmittelhandel. Das Prüfzeichen „Geprüfte Qualität Bayern“ stellt außerdem sicher, dass das Schwein aus der Region stammt. Es lohnt sich daher, beim Kauf auf die entsprechenden Prüfsiegel zu achten. Die Initiative Tierwohl zertifiziert zusätzlich Betriebe, die deutlich über den gesetzlichen Standard hinausgehende Tierwohlkriterien umsetzen. Bio-Qualität aus Bayern erkennt man am Bayerischen Bio-Siegel.


Stichwort: Ferkelkastration

Männliche Ferkel werden meist frühzeitig kastriert, in Deutschland unter Schmerzlinderung, aber ohne Betäubung. Inzwischen ist politisch beschlossen, dass die Ferkelkastration zukünftig unter Betäubung vorgenommen werden muss. Bis spätestens zum 31. Dezember 2020 müssen deutsche Landwirte Verfahren finden, die gesetzeskonform und tierschonend, ökonomisch machbar sowie im Alltag praktikabel sind.
Gerade letzteres ist von entscheidender Bedeutung. Denn obwohl Schweinefleisch in Deutschland die beliebteste Fleischart ist, sinkt die Zahl der deutschen Ferkelerzeuger kontinuierlich. Allein zwischen 2010 und 2016 hat sie sich halbiert. Zu hoch sind die gesetzlichen Auflagen, zu gering die Wertschätzung der Bevölkerung. Dabei kann Deutschland seinen Bedarf an verschiedenen Teilstücken vom Schwein schon jetzt nicht mehr selbst decken und ist auf Importe angewiesen.


Warum werden Ferkel kastriert?

Hauptproblem ist der Geruch. Ein Teil der männlichen Schweine entwickelt während der Geschlechtsreife den typischen Ebergeruch. Was weibliche Schweine eher attraktiv finden dürften, stößt viele Verbraucher leider ab. In Topf oder Pfanne ist der charakteristische Duft nämlich derart unangenehm, dass er den Appetit auf Schweinefleisch langfristig verdirbt. Die freigesetzten Geruchssubstanzen können auch den Geschmack beeinträchtigen. Fleisch mit Ebergeruch lässt sich praktisch nicht verkaufen. Um den Ebergeruch sicher auszuschließen, unterbindet man daher in der Regel die Geschlechtsreife, sprich: die Bildung der Hormone in den Hoden, indem man diese in den ersten Lebenstagen entfernt. Neben dem Ebergeruch steigt bei unkastrierten männlichen Schweinen in der „Pubertät“ auch die Aggressivität. Rangkämpfe, Stress für die Tiere und Verletzungen sind die Folge. Im Sinne des Tierschutzes versucht man solche Gefahrenquellen für die Gesundheit möglichst auszuschließen – zumal Medikamentengaben ebenfalls vermieden werden sollen.

VORTEILE der Ebermast

  • kein chirurgischer Eingriff nötig
  • wenig Aufwand für Ferkelerzeuger
  • ggf. ökonomischer Vorteil für Mäster

NACHTEILE der Ebermast

  • begrenzter Absatzmarkt für Eberfleisch vorhanden
  • Importe aus dem Ausland verdrängen heimische Produktion
  • Ebergeruch schadet dem Image von Schweinefleisch, die Nachfrage sinkt 
  • abweichende Fleisch- und Fettqualität, verminderte Eignung für Verarbeitung
  • Stress und Verletzungsgefahr für die Tiere durch gesteigerte Aggressivität

Alternative: Impfung

Eine Alternative zur chirurgischen Kastration stellt die so genannte Immunokastration dar. Dabei handelt es sich um eine Art Impfung gegen den Ebergeruch. Ganz konkret heißt das: Zwei bis drei Spritzen mit dem Impfstoff Improvac hemmen vorübergehend die Hodenfunktion der jungen Eber, so dass sich keine Geschlechtshormone bilden. Für viele Kritiker der Kastration ist dies die tierfreundlichste Alternative, die verarbeitenden Betriebe kaufen derzeit jedoch ungern Fleisch von immunokastrierten Schweinen. Der Grund liegt neben offenen Fragen zur Fleischqualität und Verarbeitungseignung in der fehlenden Sicherheit hinsichtlich der Akzeptanz der Verbraucher.

VORTEILE der Impfung

  • kein chirurgischer Eingriff
  • vom Landwirt selbst durchzuführen
  • bei richtiger Anwendung geringes Risiko für Ebergeruch
  • sofort einsetzbar (ist bereits zugelassen)

NACHTEILE der Impfung

  • Impfkosten (mindestens 2 Impfungen)
  • abweichende Fleisch- und Fettqualität, verminderte Eignung für Verarbeitung (Nachteil weniger ausgeprägt als bei Ebermast)
  • Gefahr ausländischer Billigimporte
  • unsichere Akzeptanz seitens der Verbraucher

Ferkelkastration mit Inhalationsnarkose

Eine Alternative zur betäubungslosen Kastration ist die Durchführung des chirurgischen Eingriffs unter Inhalationsnarkose mit dem Wirkstoff Isofluran und begleitender Schmerzmittelgabe. Für diese Variante der Kastration ist allerdings eine spezielle Vorrichtung nötig, in die die Ferkel gelegt werden, um das Narkosegas einzuatmen. Zum anderen ist die Dosierung des Betäubungsmittels schwierig und ein zusätzliches Schmerzmittel ist nötig, um eine schmerzlindernde Wirkung zu erreichen. Und: Wer diesen Eingriff regelmäßig – in größeren Betrieben monatlich hundertfach – durchführt, kann möglicherweise durch ausströmendes Gas zu Schaden kommen.

VORTEILE der Inhalationsnarkose

  • von der Öffentlichkeit eher akzeptiert
  • Laut Bundesamt für Verbaucherschutz und Lebensmittelsicherheit erfolgt eine wirksame Schmerzausschaltung.
  • keine Absatzprobleme beim Fleisch

NACHTEILE der Inhalationsnarkose

  • chirurgischer Eingriff
  • zeit- und kostenintensiv: Tierarzt oder Sachkundenachweis erforderlich
  • Narkoserisiko für die Ferkel
  • Sicherheitsrisiken durch Gas

Ferkelkastration unter lokaler Betäubung

Hierbei wird der chirurgische Eingriff der Kastration unter Lokalanästhesie mit begleitender Schmerzmittelgabe durchgeführt. In skandinavischen Ländern wird diese Methode bereits erfolgreich von den Landwirten durchgeführt. In Deutschland sind Eingriffe dieser Art den Tierärzten vorbehalten. Außerdem muss nach dem Tierschutzrecht – wie bei jedem Eingriff – eine wirksame Schmerzausschaltung erreicht werden. Der momentan einzige für das Schwein zugelassene Wirkstoff Procain ist zwar wirksam, aber schon recht alt. Mittlerweile gibt es neuere und noch bessere Wirkstoffe wie Lidocain oder Bupivacain, die beim Menschen erfolgreich eingesetzt werden, aber derzeit leider noch nicht für Schweine zugelassen sind.

VORTEILE der Betäubung

  • wirksame lokale Betäubung bei gleichzeitiger Vermeidung von narkosebedingten Risiken/Belastungen für das Ferkel
  • einfach, effizient, sicher und nahezu nebenwirkungsfrei
  • keine Nachschlafphase, Ferkel können direkt nach dem Eingriff wieder bei der Mutter saugen (keine Gefahr des Auskühlens)
  • minimaler Stress für die Tiere
  • kein Ebergeruch
  • keine Absatzprobleme

NACHTEILE der Betäubung

  • chirurgischer Eingriff
  • tierschutzrechtliche Konformität ab 2021 umstritten

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Quellen:
StMELF, Statistisches Bundesamt, BMEL
www.agrarheute.com/markt/tiere/bio-schweine-kleiner-markt-hohen-preisen-549691
www.biowahrheit.de/inhalt/schwein.htm
www.br.de/nachrichten/bayern/zu-geringe-nachfrage-nach-bio-schweinefleisch,RPzUATs